Gesichter im mRC: Julia

Portrait Julia Winiger

Interview von Sandra Neukom mit Julia Winiger

Wie beschreibst du dich, Julia?

Ich bin eine fröhliche, aufgestellte und offene Frau, die das Leben mit allen Seiten liebt und dankbar ist, hier sein zu dürfen.

Was sind Dinge, die dir im Leben wichtig sind?

Meine Familie, meine Freunde, mein zu Hause und meine Gesundheit.

Du hast vorher im Hotel gearbeitet, auch an der Rezeption, was hat dich ins mRC geführt?

Meine Schwester hat als erste Auszubildende im mRC ihre Lehre gemacht. Natürlich habe ich sie während dieser Zeit oft besucht und schlussendlich selbst im mRC trainiert. Die angenehme Atmosphäre und die freundlichen Mitarbeitenden habe ich dabei immer sehr geschätzt.

Im Sommer 2025 war ich auf Stellensuche. An einem warmen Sommertag suchte ich gemeinsam mit meiner Schwester verzweifelt nach einem Parkplatz in der Stadt. Sie meinte, ich solle es doch vor dem mRC versuchen. Tatsächlich hatten wir Glück und fanden einen Parkplatz.

Während wir das Auto parkierten, meinte ich zu ihr: «Das mRC war immer ein super Betrieb!» Sie nickte und sagte, sie könne Yvonne einmal fragen, ob sie jemanden am Empfang brauchen könnten.

Das war an einem Freitagnachmittag. Am darauffolgenden Montag schickte mir mein Mann die Stellenausschreibung für die Position «Leitung Empfang und Administration» im mRC.

Natürlich habe ich mich direkt beworben. 😊

Manchmal braucht es eben nur einen freien Parkplatz.

Was ist gleich geblieben vom Hotel zu «unserer Welt» und was ist anders?

Die Dienstleistung. Egal wo ich gearbeitet habe, die Dienstleistung gegenüber den Kunden steht immer an erster Stelle. Die Menschen zu unterstützen, ihnen eine gute Zeit zu ermöglichen und bei Fragen oder Anliegen für sie da zu sein, sie mit einem Lächeln zu empfangen und ihnen beim Gehen einen schönen Tag zu wünschen.

Was sich verändert hat, ist die Hektik. Im Hotelalltag muss alles schnell gehen und niemand hat Zeit. Gäste müssen den nächsten Flieger erwischen oder in das nächste Meeting springen. Im mRC ist das anders. Bei uns haben die Kunden mehr Zeit, sind entspannter, kommen für ihre Gesundheit. Das schätze ich sehr.

Gibt es etwas in deinem Leben, das dich besonders geprägt hat?

Am meisten geprägt haben mich die Geburten meiner beiden Söhne und der Verlust meines Vaters.

Unser erster Sohn Louis wurde 2021 geboren. 19 Tage später mussten wir ihn wieder gehen lassen. Er litt an einer sehr schweren und seltenen Krankheit, von der wir bis zu seiner Geburt nichts wussten.

2023 durften wir unseren zweiten Sohn Leandro willkommen heissen. Im selben Jahr mussten wir jedoch auch meinen Vater verabschieden, der an einer sehr schweren und schnell fortschreitenden Krebserkrankung verstorben ist.

Seit ich Louis und Leandro kennenlernen und willkommen heissen durfte und meinen Vater auf seinem letzten Weg begleiten musste, hat sich vieles in mir verändert. Diese drei Menschen haben mich auf unterschiedliche Weise geprägt und mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Louis hat mir, obwohl er nie sprechen konnte, unglaublich viel hinterlassen. Durch ihn durfte ich Dinge lernen, die ich ohne ihn vermutlich nie erfahren hätte. Sein Verlust hat mich über meine Grenzen gehen und mich gleichzeitig über mich hinauswachsen lassen. Ich durfte mich auf eine Weise weiterentwickeln, wie ich es ohne ihn wahrscheinlich nie geschafft hätte. Für mich gibt es ein Leben vor Louis und ein Leben nach ihm.

Du schreibst, es gibt ein Leben vor Louis und ein Leben nach ihm. Wenn du ihm heute etwas sagen könntest, was wäre das?

Danke für all die Dinge, die du mir mitgegeben hast, für deine kurze Präsenz, dass du dich auf diese Welt gekämpft hast und wir dich physisch kennenlernen durften. Ich lebe mein Leben für dich, mit dir im Herzen, sodass du nie vergessen wirst.

Leandro hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, weiterzumachen und dass unser Leben ein Wunder ist. Er bringt mich jeden Tag zum Lachen und manchmal auch zur Weissglut. Durch ihn lerne ich jeden Tag Neues, lerne meine eigenen Emotionen besser kennen und meine Grenzen zu respektieren. Es ist unglaublich, wie viel zwei so kleine Menschen in unser Leben bringen können und wie viel wir durch sie lernen dürfen.

Neben all den wertvollen Dingen, die ich von meinem Vater lernen durfte, hat er mir noch etwas ganz Entscheidendes mitgegeben: Durch seinen Verlust habe ich noch einmal ganz neu verstanden, dass unsere Gesundheit das grösste Gut ist, das wir besitzen. Unser Leben kann sich innerhalb kürzester Zeit verändern. Er hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, jeden Tag zu schätzen, Gefühle auszusprechen und sie nicht für sich zu behalten.

Louis, Leandro und mein Vater haben auf ganz unterschiedliche Weise Spuren in meinem Leben hinterlassen. Sie haben mir gezeigt, wie zerbrechlich und gleichzeitig wie wertvoll unser Leben ist. Heute versuche ich, bewusster zu leben und die Zeit mit den Menschen, die ich liebe, nicht als selbstverständlich zu sehen.

Hat sich dadurch dein Blick auf das Leben verändert?

Ich war schon immer eine dankbare Person. Seither verspüre ich jedoch eine Dankbarkeit gegenüber dem Leben, die ich fast nicht in Worte fassen kann. Klar ist sie nicht jeden Tag gleich präsent, aber meine Haltung gegenüber meiner eigenen Gesundheit hat sich grundlegend verändert. Ich lebe bewusster, versuche mein Handy so oft es geht wegzulegen, geniesse meine Familie und Freundschaften noch intensiver als zuvor. Ich habe gelernt, Trauer und alle Gefühle, die wir als «unangenehm» empfinden, zu fühlen. Hinzuschauen und den Mut zu haben, weiterzugehen, auch wenn die Angst so gross ist, dass ich denke, ich schaffe es nicht. «Lean into the discomfort», sich dem Unangenehmen zuwenden, ist eines meiner Mottos geworden.

Gibt es einen Moment, in dem dir dein Leitsatz «Lean into the discomfort» besonders geholfen hat? Wo du dachtest: Jetzt nicht wegschauen?

Ja. Besonders in der Trauerarbeit. Ich wollte weglaufen, wollte nicht in die Gruppe der Hinterbliebenen gehören. Meine Trauerbegleiterin hat mir diese Welt gezeigt und gelernt, hinzuschauen. So habe ich die Trauer als zuverlässige Begleiterin kennengelernt und erfahren, dass die Welt der Hinterbliebenen eine wunderschöne ist.

Ein angenehmes Arbeitsklima ist dir wichtig, was braucht es dafür aus deiner Sicht?

Ein motiviertes und kollegiales Team, was wir im mRC definitiv haben. Dass alle an einem Strang ziehen und helfen, wenn Hilfe gebraucht wird. Offene Türen für Fragen und den Raum, sich zu entwickeln und Dinge verändern zu dürfen. Ich bin dankbar, darf ich das jeden einzelnen Tag im mRC erfahren. Ich habe mich selten auf die Arbeit gefreut, bis ich im mRC gestartet habe. Ich brenne für die Arbeit hier, für mein Team und dafür, unsere Kunden glücklich und gestärkt nach Hause gehen zu sehen.

Was gibst du den Menschen, die bei dir an der Rezeption stehen?

Ich versuche jeder einzelnen Person das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, ihnen kompetent zur Seite zu stehen und neuen Kunden Sicherheit zu geben, dass sie am richtigen Ort sind. Mein oberstes Ziel ist es, eine Herzensverbindung zu schaffen, also zum anderen Menschen durchzudringen, zu zeigen: Du bist wertvoll.

Erinnerst du dich an einen bestimmten Moment mit einem Kunden, wo du gespürt hast: Da habe ich gerade wirklich etwas bewirkt?

Ja. Oft ist es ein von Herzen kommendes Lächeln, ein kurzes oder auch tiefgründigeres Gespräch oder der Augenkontakt während des Gesprächs. Dann merke ich, dass diese Herzensverbindung da ist und dass die andere Person diesen Austausch schätzt, und ich genauso.

Was bedeutet das mRC für dich?

Das mRC ist für mich der beste Arbeitsplatz, den ich je hatte. Ich geniesse meine Arbeit und den Austausch mit unseren Kunden und dem Team sehr. Dass ich zusätzlich zu meiner Arbeit am Empfang und in der Administration noch vieles über unsere Gesundheit lernen darf, schätze ich sehr.

Hast du einen Leitsatz oder einen Satz, der dich durchs Leben begleitet?

Wie oben geschrieben ist «Lean into the discomfort», sich dem Unangenehmen zuwenden, einer meiner Leitsätze geworden. Für viele mag dieser Satz negativ klingen. Für mich bedeutet er: Jedes Gefühl, jede Emotion hat ihre Berechtigung. Trauer, Schmerz, Wut, Angst wollen uns zeigen, dass etwas fehlt, eine Lücke entstanden ist, unsere Grenzen überschritten wurden, sich etwas verändern muss oder uns Sicherheit fehlt. Ich finde, es lohnt sich hinzuschauen und dahinterzublicken: «Was will mir dieses Gefühl sagen?» Eine spannende Sache.

Was möchtest du unseren Lesern noch sagen?

Gesundheit ist unser wichtigstes Gut. Und doch nehmen wir sie so oft als selbstverständlich hin. Viele Menschen haben nicht das Glück, gesund sein zu dürfen. Manche müssen viel zu früh gehen, andere erleben einen langen und schweren Leidensweg.

Unser Körper begleitet uns jeden einzelnen Tag und leistet Unglaubliches für uns, ganz selbstverständlich, egal, was wir ihm abverlangen. Umso wichtiger finde ich es, ihm etwas zurückzugeben und gut für uns selbst zu sorgen.

Achtsam und dankbar durch den Tag zu gehen. Sich hin und wieder bewusst Zeit zu nehmen, innezuhalten und die kleinen und grossen Schönheiten des Lebens wahrzunehmen. Zeit für die Menschen, die einem wichtig sind, zu finden, nicht nur an Geburtstagen oder an Weihnachten.

Am Ende ist es nämlich das, was bleibt: die gemeinsame Zeit.

Julia ist 33 Jahre alt. Sie empfängt, sie verbindet, sie sieht den Menschen hinter dem Termin. Nicht weil es ihr Job ist, sondern weil es ihr Wesen ist. Wer bei ihr ankommt, spürt: Du bist willkommen. Du bist richtig hier.

Das mRC ist mehr als ein Ort. Es sind die Menschen darin.

Jede Geschichte verdient es, gehört zu werden. 🙏🏼

Von Herzen,
Sandra 💖

August, 2026

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