Eine Liebeserklärung ans Leben

Lebensbejahend. Fit. Dankbar.

Wenn Ruedi Mäder einen Raum betritt, spürt man sofort: Hier kommt jemand, der das Leben liebt. Mit 77 Jahren strahlt er eine Energie aus, die ansteckend ist. Fit wie ein Turnschuh, voller Elan und mit einer freundlichen Ausstrahlung.

Seine Geschichte ist keine Krankheitsgeschichte. Sie ist die Geschichte eines Mannes, der hinfiel, wieder aufstand und lernte, dass das Leben immer mehr bereithält, wenn man offenbleibt.

Ein Stadtjunge mit Elvisrolle

1949, mitten im Herzen von Zürich. Kreis 5, Arbeiterquartier. Ein anderes Zürich als heute.

Auf der Strasse konnten wir Knaben noch Fussball spielen, erinnert sich Ruedi. Wenn der Bierfuhrmann mit seinen Brauereirössern kam, schickte mich die Mutter, die Pferdeäpfel aufzusammeln, damit sie im Garten die Rosen düngen konnte.

Mit zehn Jahren änderte sich alles. Die Eltern zogen aufs Land, ins St. Gallerland. Ein kleiner Bauernhof. Weg von den Kollegen, dafür zu Kühen, Kälbern, Pferden, Hühnern und zwei Katzen.

Der erste Schultag? Ein Desaster.

Ich, mit langen Hosen, Schuhen mit weissen Schuhsohlen, und alle anderen Jungs waren barfuss und trugen kurze Hosen. Den Mädchen gefiel meine Frisur mit der Elvisrolle. Den Knaben nicht.

Ruedi musste viel einstecken. Und zu Hause war es vorbei mit Herumschlendern. Stall, Feld, Wald, seine Hilfe war erforderlich. Kein Zuckerschlecken.

Aber die Arbeit auf dem Bauernbetrieb hat mich stärker gemacht. Durch die gemeinsame Arbeit standen wir uns als Familie viel näher, als wir es in der Stadt erlebten.

Und dann sagt er einen Satz, der alles zusammenfasst:

Aus meiner heutigen Sicht konnte mir gar nichts Besseres passieren.

Was sein Vater ihm mitgab

Er war grosszügig und liess mich das erleben und lernen, was mir wichtig war. Er hat mir nicht gesagt, was ich machen muss.

Ruedi hält kurz inne.

Und diese Grosszügigkeit habe ich meinen Kindern auch weitergegeben.

Vom Bauernsohn zum Fachexperte

Die Mechanik der Landmaschinen weckte Ruedis Interesse. Er bewarb sich bei den Hürlimann-Traktorenwerken in Wil und lernte Mechaniker. Nach der Lehre zog es ihn fort vom Land, zur Firma Schindler Aufzüge AG.

Ich montierte schon bald allein meine ersten Aufzüge in der halben Schweiz. Mechanik, Elektrik, Hydraulik, und später hielt die Elektronik Einzug. Mit all diesen neuen Errungenschaften bin ich gewachsen, habe mich weitergebildet und bin schliesslich zum Fachexperten für Aufzugsanlagen aufgestiegen.

Sein Plädoyer für das Handwerk ist leidenschaftlich:

Ich bedauere es sehr, dass die heutigen Jugendlichen nur noch Akademiker werden wollen. Der Handwerksberuf ist so vielseitig und abwechslungsreich. Auch wenn man manchmal schmutzige Hände bekommt, wenn die Arbeit getan ist, steht man vor einem Werk, welches man selbst geschaffen hat. Und wenn’s dann noch funktioniert, umso erfreulicher.

Ein unbeschwertes Leben – bis zum Wendepunkt

Ruedi heiratete früh, hatte zwei wunderbare Töchter, engagierte sich im Turnverein und im Vorstand seiner Baugenossenschaft. Ein unbeschwertes Leben.

Bis er 38 war.

Im Alter von 38 Jahren ereignete sich ein Tiefpunkt in meinem Leben, der aber auch zu einem Wendepunkt führte: Die Scheidung von meiner ersten Frau.

Sie beschlossen gemeinsam, dem Schrecken ein Ende zu machen, statt eine unendliche Geschichte weiterzuführen.

Es schmerzte eine ganze Weile. Wenn ich heute darüber nachdenke, war diese Trennung fast wie eine OP.

Wie er sich selbst “genäht” hat

Ich frage Ruedi: Die Trennung war wie du sagst, eine OP, was hat die Wunde geschlossen?

Seine Antwort ist ein Schlüsselsatz. Einer, den ich jedem Menschen empfehlen würde, und den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Es funktioniert, weil wir den Fokus auf das Wesentliche im Leben richten. Weg vom Problem, hin zu dem, was wir vermehren möchten.

Ich habe mich auf das konzentriert, was mir Freude bereitet hat. Das war bei mir Motorradfahren, Sport, Turnen für jedermann leiten. Kontakt mit Menschen. Ich habe mich nicht verschlossen oder eingesperrt, sondern habe den Kontakt zu Menschen gesucht und gepflegt.

Er fügt hinzu: Der Weg ist nicht gerade. Manchmal macht man Umwege und lernt dabei, um dann wieder geradeaus zugehen.

Das Schwierigste? Die Fest- und Feiertage und die langen dunklen Abende allein verbringen zu müssen, das kostete viel Kraft.

Aber aufgeben? Das kam für Ruedi nicht infrage.

Ich sagte immer zu mir: Der Mensch ist nicht da, um allein zu sein. Es wird sich schon wieder etwas ergeben. Ich suchte nicht, aber ich war offen für neue Begegnungen.

Graziella

Von Wundern will ich nicht gerade sprechen, sagt Ruedi mit einem Lächeln, aber es fügte sich, dass ich Graziella, meine heutige Frau, zu dieser Zeit kennenlernen durfte.

Erinnerst du dich an den ersten Moment?

Es ist mir aufgefallen, dass sie sehr nett war. Eine Beziehung mit ihr hat sich aber ganz, ganz langsam entwickelt. Kennengelernt haben wir uns 1988. Daraus ist eine sehr schöne Partnerschaft geworden.

Bei meiner spontanen Frage: Nenne mir bitte 3 Wörter, die euch beschreiben, antworten beide so:

Ruedi über Graziella: Ein sehr lieber Mensch. Sie ist grosszügig und sehr diszipliniert. Das hat mich immer begeistert.

Graziella über Ruedi: Er ist so voll Elan, präsent und sehr begeisterungsfreudig.

So schön, wie die beiden nach so vielen Jahren noch immer das Positive an erster Stelle nennen können. Ich bin begeistert. Danke für eure Offenheit.

Der Neuanfang

Plötzlich öffnete sich die Welt.

Wir reisten in viele Länder dieser Welt und ich als ehemaliger Bauernsohn kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diese Erfahrungen öffneten mein Herz und ich war bald wieder bereit für neue Abenteuer und für die Liebe.

Was hat ihn motiviert?

Als ich Graziella kennenlernte, war das Motivation genug. Auch sie hatte eine schwere Zeit hinter sich und zusammen meisterten wir alles und räumten alle Hindernisse aus dem Weg. Wir haben Träume für die Zukunft gezimmert und daran geglaubt, dass sie wahr werden.

300 km zu Fuss – der Pilgerweg

Die Dankbarkeit für ihr gemeinsames Leben wollten Ruedi und Graziella auf besondere Weise ausdrücken. Sie machten sich zu Fuss auf den Pilgerweg des heiligen Jakob. 300 km von Florenz in der Toskana nach Assisi in Umbrien.

Im Nachhinein gesehen war der Pilgerweg wie das Leben. Einmal führte uns der Weg einem munteren Bächlein entlang, bei schönstem Sonnenschein, dann wieder steil bergan, bei Regen und bei Kälte. Er führte uns aber auch durch Gestrüpp, dicht mit Disteln und Dornen bewachsen, und darauf wieder steil bergab, dass man sich bremsen musste. Wie ein Abbild unseres bisherigen Lebensweges.

Ich frage ihn: Was passiert mit einem Menschen, wenn er so lange geht?

Wir sind in Ruhe und Stille nebeneinanderher gewandert und haben die Natur so sehr genossen. Sie hat auf uns eingewirkt. Am Abend, jeweils rückwirkend betrachtet, haben wir gesehen, dass wir einen weiteren Abschnitt vollbracht haben, und waren auch wirklich stolz auf uns.

Er wird nachdenklich.

Wir haben dasselbe erlebt, und doch jeder auch für sich. Deshalb erzählt sie bestimmt anders von unserer Reise als ich. Beide wollten das erleben, aber nicht mit einem Kampf. Wir haben abgemacht, dass wir abbrechen, wenn es einem von beiden nicht mehr geht.

Die Reise hat mich nicht zu einem anderen Menschen gemacht, und doch Tiefe gegeben. Und eine tiefe Dankbarkeit, dass wir das können.

Und dann sagt er: Wenn es die Gesundheit erlaubt, würden wir gerne kommendes Jahr von Assisi nach Rom gehen. Das sind 300 km. Das wollen wir beide.

Wir erinnern uns: Ruedi ist 77 Jahre alt.

Das Leben heute

Ich habe so vieles erreicht im Leben. Unsere gemeinsamen Wünsche haben sich erfüllt, ich bin gesund und lebensfroh und ich fühle mich fit wie ein Turnschuh.

Was mag er an seinem Leben nach der Pensionierung?

Die Freiheit, nicht in ein enges Korsett geschnürt zu werden und fremdbestimmt zu sein. Wir leben in einer so schönen Zeit. In der Schweiz haben wir Sicherheit und sollten uns bemühen, unser schönes Land zu hegen, zu pflegen und zu beschützen.

Was macht ihn heute noch neugierig?

Ich habe mir letzte Woche ein E-Bike gekauft, sagt er und strahlt. Über den Regensberg hatte ich vorher 9 km pro Stunde, und mit dem E-Bike, auf der tiefsten Stufe, habe ich 16 km pro Stunde geschafft. Das hat mich so begeistert.”

Ich bin offen, um etwas Neues anzunehmen. Das macht mir Freude.

Ja, das verstehe ich. Es hält dich so jung und vital, wenn du immer noch Freude am Erleben von etwas Neuem hast.

Was er seinem früheren Ich sagen würde? “Halte durch und pack es an, was auch immer auf dich zukommt.”

Erinnerungen an einen Freund

Bei meiner Frage, was er der nächsten Generation mitgeben möchte, erzählt Ruedi plötzlich von seinem Freund Heinz. Dem Mann, der ihm und Graziella den Weg zum Tessiner Traumhaus geebnet hat.

Ein lieber Freund, der leider schon verstorben ist und der mir sehr nahestand. Einen Tag bevor er gegangen ist, hat er sich von mir verabschiedet.

Ruedi hat Tränen in den Augen, als er weitererzählt:

Heinz war selbständig und hat mir unter anderem gesagt: Sei immer anständig mit den Menschen. Das ist mir geblieben.

Er kommt uns immer mal wieder in den Sinn.

Ruedis Botschaft

Vertraue auf das Leben, es ist ein Geschenk! Wir dürfen es nicht so einfach wegwerfen. Such dir Freunde, die dich unterstützen und fördern. Mir hat das geholfen.

Sein Leitsatz?

Ich vertraue auf Gott oder auf eine höhere Macht. Wir werden nicht allein gelassen. Das Leben ist zu wertvoll, um es nicht intensiv zu leben.

Was er anderen zeigen möchte?

Gebt euch nicht auf, was immer auch kommt. Das Leben hat so viel für euch bereit, ihr müsst nur genau hinsehen und das Leben annehmen.

Sein Impuls an die nächste Generation?

Sucht euren Weg und geht ihn konsequent. Weniger auf alle anderen hören, sondern mehr auf euch selbst.

Und was ist ihm wichtig, unseren Lesern mitzuteilen?

Habt Respekt voreinander. Das ist mir persönlich sehr wichtig.

Ruedi und das mRC

Das mRC ist nicht einfach ein Trainingscenter, wo man alleingelassen wird. Im mRC wird man kompetent betreut, es herrscht eine kollegiale Atmosphäre. Im mRC fühle ich mich einfach am richtigen Ort.

Das medizinische Rückencenter hat Ruedi auf seinem Lebensweg oft begleitet, seit 1992. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Sauber, gepflegt, kompetent, freundlich. Ich fühle mich immer willkommen. Ich empfehle es gerne weiter.

Und was ich noch sagen möchte

Ruedi, du hast mich berührt mit deiner Lebensbejahung, deiner Offenheit und deiner tiefen Dankbarkeit. Mit 77 Jahren ein E-Bike kaufen, den nächsten Pilgerweg planen und dabei strahlen wie ein Junge, das ist inspirierend.

Der Satz von Heinz in meinem Ohr: Sei immer anständig mit den Menschen.

Und du, Ruedi, du lebst das.

Geschichten die das Leben schreibt.  🙏🏼

Von Herzen,
Sandra 💖

Zürich, Juni 2026

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