Health Talk mit Sandra Neukom

Ein Interview-Projekt, das von
Heldengeschichten, Krisen, Willensstärke und Transformation erzählt.

Yvonne Keller interviewt Sandra Neukom als Start des Interview-Projekt «Health Talk mit Sandra Neukom»

Yvonne Keller, Inhaberin und Geschäftsführerin des med. Rücken-Center interviewt die Volontärin Sandra Neukom.

Yvonne und Sandra kennen sich seit ihrer Jugend. Sie lernten sich im Aerobic-Studio «California» in Zürich kennen, später leiteten sie gemeinsam während einigen Jahren das Fitness-Center Team Training in Hedingen, gingen dann ihre eigenen Wege und trafen sich wieder mit ihren etwa gleichaltrigen Kindern während deren Babyjahren. Danach war eine Kontaktpause, bis Yvonne vom Schicksal von Sandra hörte, dass diese beinahe an einer Hirnblutung gestorben sei. Jahre später trafen sie sich wieder. Lesen sie mehr darüber in diesem Interview.

Yvonne: Sandra, deine Geschichte ist beeindruckend. Dein Leben veränderte sich vor 10 Jahren auf einen Schlag komplett. Lass uns mit der Zeit vor deiner Hirnblutung  beginnen – wie sah da dein Leben aus?

Sandra: Ja, damals war ich eine echte Powerfrau. Während 25 Jahren arbeitete ich in der Fitnessbranche, war Regional-Direktorin, Ausbildnerin, internationale Presenterin – ich jonglierte alles: Familie, Karriere, Persönlichkeitsentwicklung. Ich lebte mit meinem Mann (Jürg Neukom) und unseren zwei Töchter, damals 9 und 11 Jahre alt in der Nähe von Zürich. Ich dachte, ich hätte mein Leben im Griff. Mein Körper sendete zwar erste Signale, dass dem nicht so sei, doch ich hörte nicht hin.

Yvonne: Welche Signale waren dies?

Sandra: Ein Jahr vor meiner Hirnblutung wurde ich auf einmal viel schneller müde – obwohl ich fit war wie ein Turnschuh. Das verstand ich nicht. Dann verlor ich eine meiner grössten Stärken: Multitasking. Plötzlich musste ich alles aufschreiben, sonst vergass ich es. Das löste enormen inneren Stress aus. Und kurz vor dem Ereignis passierte etwas Eigenartiges: Bei einem Meditationsabend, den ich leitete, fiel mein linkes Auge immer wieder zu, – ohne dass ich dies bewusst wahrnahm. Erst als mich jemand darauf hinwies, fiel es auch mir auf.

Yvonne: Das klingt, als hätte dein Körper dir Botschaften gesendet.

Sandra: Genau. Im Nachhinein hätte ich früher aufpassen sollen. Aber ich kannte die Anzeichen nicht. Ich dachte, mir passiert so etwas nicht. Wie naiv war ich!

Yvonne: Dann kam der Morgen, der alles veränderte. Erzähl uns was da passierte.

Sandra: Ich hatte an diesem Morgen im Januar 2014 einen Augenarzt-Termin, weil ich immer schlechter sah. Mein Mann wollte unbedingt mitkommen – er hatte ein eigenartiges Gefühl dabei. Unsere beiden Mädchen waren auch zuhause. Ich duschte mich gerade, um mich vorzubereiten…

Und dann – aus dem absoluten Nichts – schrie ich «Schatz, Hilfe! Mein Kopf! Ich explodiere!»

Der Schmerz war unbeschreiblich. Dieser Schmerz war zehnmal stärker als Geburtsschmerzen. Er war in keiner Weise auszuhalten.

Ich konnte nichts mehr sehen. Nass wie ich war, fiel ich gerade noch aufs Bett. Dann – Dunkelheit. Totale Dunkelheit und Stille.

Yvonne: Du warst bewusstlos?

Sandra: Ja. Mein Mann war im absoluten Notfallmodus. Er rief unserer älteren Tochter zu, sofort den Notruf zu tätigen. Unsere Jüngere spielte in ihrem Zimmer und bekam Gott sei Dank nichts mit.

Mit der Ambulanz kam ich ins Krankenhaus. Dort teilten die Ärzte meinem Mann mit, dass 80 Prozent aller Menschen mit dieser Diagnose «geplatztes Aneurysma im Hirn» bereits auf dem Weg ins Spital sterben. Mein Leben lag auf Messers Schneide.

Yvonne: Was ist ein Aneurysma?

Sandra: Ein Aneurysma ist eine Ausbuchtung in einer Blutgefässwand, in meinem Fall im Gehirn. Bei mir war es einige cm gross und dieses war geplatzt. Das bedeutet: Blut ergoss sich ins Gehirn. Ein Teil der linken Kopfhälfte war voller Blut. Dies ist lebensbedrohlich. Es war unmöglich, mich sofort zu operieren – das Gehirn musste zuerst abschwellen.

Yvonne: Ein medizinischer Notfall?

Sandra: Ja. Einer, der mich fast mein Leben kostete.

Yvonne: Du sagst, dass mit deinem Notfall die Wunder beginnen. Was meinst du damit?

Sandra: Das erste Wunder: Ein ausgewiesener Spezialist für Neurochirurgie aus Spanien war genau in dem Moment in der Universitätsklinik Zürich, als ich dort ankam. Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle.

Nach zwei Wochen Wartezeit – zwei Wochen, in denen jederzeit etwas hätte schiefgehen können – bekam ich grünes Licht zur Operation. Während 16 Stunden wurde ich am offenen Gehirn operiert. Zwei Ärzte, mein Prof. der Neurochirurgie und der Spezialist aus Spanien – echte Helden – wechselten sich ab.

Yvonne: Das ist intensiv. Was geschah dann?

Sandra: Ja. Doch es ging weiter: Nach dieser ersten erfolgreichen Operation bekam ich zusätzlich einen Hirnschlag. Eine zweite Operation erfolgte sofort – mit einem eingesetzten Bypass, um weitere Schlaganfälle zu verhindern. Wieder folgten zwei Wochen in kritischem Zustand.

Dann kam die Extubation – das ist das Entfernen des Beatmungsschlauchs, nachdem man intubiert war. Während der Intubation wird ein Schlauch in die Luftröhre gelegt, um die Atmung zu unterstützen. Bei meiner Extubation passierte etwas Schreckliches: Ein Lungenflügel kollabierte. Ich wurde notfallmäßig erneut aufgeschnitten und ein Röhrchen wurde eingeführt, um den Lungenflügel wieder aufzublasen.

Yvonne: Dein Körper kämpfte an allen Fronten.

Sandra: …und ich überlebte. Jedes Mal. Das waren Wunder.

Yvonne: Nach einem Monat im Wachkoma wachtest du auf. Wie war das?

Sandra: Ich lag im Bett. Ich konnte nicht sprechen, mich nicht bewegen, nicht essen, nicht trinken, meine Geschäfte nicht alleine verrichten. Mein linkes Auge war geschlossen. Am Anfang war mir das gar nicht bewusst – ich wurde künstlich ernährt, hatte noch einen Katheter.

Ich war wie ein Kleinkind, das darauf vertrauen musste, liebevoll versorgt zu werden.

Yvonne: Das muss sich surreal angefühlt haben?

Sandra: Es war gelinde ausgedrückt eine eigenwillige Zeit – abhängig von jedem und von allem. Aber ich bin rückblickend sehr dankbar. Ich wurde gut versorgt und begann mich zu entwickeln, wie ein wohl behütetes Baby. 

Yvonne: Dann kam die Reha-Klinik. Wie verlief die Zeit dort?

Sandra: 2,5 Monate intensives Training: Orthopädie, Physiotherapie, Ergotherapie, Essen und Trinken lernen, Reden lernen, mich an Worte erinnern, sozialisieren… Das war eine riesige Herausforderung wie keine andere.

Aber hier zeigte sich meine wahre Natur: Ich bin ein Gesundheitsrebell. Ich gebe nie auf. Ich habe einen unbändigen Willen.

Yvonne: Was bedeutet das konkret?

Sandra: (lacht) Sie wollten mir einen Rollator geben – zur Entlastung, zur Sicherheit. Ich lehnte ihn kategorisch ab. Stattdessen lief ich den ganzen Tag Treppen hoch und runter – ich war fast die einzige Patientin in der Reha, die das tat. Ich nahm keinen Lift zwischen den Therapien. Ich ruhte nur aus, wenn ich gar nicht mehr konnte.

Jeden Tag war ich im Trainingsraum, zwischen den Therapien, bewegte mich. Ich meditierte, entspannte mich in meinem Zimmer. Ich machte mir meinen eigenen Gesundheitsplan – ohne ihn aufzuschreiben, das konnte ich noch nicht, mein Verstand war zu lädiert. Aber das seit Jahren Gelernte war so tief verankert in mir, dass es automatisch funktionierte. 

Yvonne: Du hast erwähnt, dass du nicht gejammert hast. Was meinst du damit?

Sandra: Jammern ließ ich bei mir nicht zu und auch nicht bei anderen Patienten. Ich hatte nur meine Genesung vor Augen. Punkt. Ich war ein richtiger Gesundheitsrebell!

Meine Therapeuten nach der Reha suchte ich mir selbst aus. Ich war kein angenehmer Patient – ich war willensstark, unbeugsam. Aber mein Neurochirurg konnte es nicht glauben, wie gut es mir ging. Er nannte es selbst: „Das ist ein Wunder.»

Yvonne: Die Reha war aber nur der Anfang, nicht wahr?

Sandra: Genau. Die eigentliche Genesung dauerte acht Jahre! Acht Jahre, um mein neues Ich zu akzeptieren, es zu mögen, mich nicht mehr zurückzuziehen.

Ich bin nicht mehr die Gleiche wie früher. Aber ich bin bewusster, ruhiger, präsenter. Metaphorisch gesprochen – Ich springe nicht mehr ohne zu denken in jede Pfütze rein. Ich muss nichts und darf alles.

Yvonne: Das ist eine grosse Transformation.

Sandra: Ja, ist es. Und ich wünsche mir für jeden Menschen – ohne dass er so ein extremes Erlebnis durchmachen muss – diese Bewusstseinserweiterung. Manche Menschen lernen es erst dann.

Yvonne: Wie sind wir uns wiederbegegnet?

Sandra: Nach einigen Jahren meldete sich eine langjährige Wegbegleiterin – du – bei mir. Ich freute mich riesig! Wir verabredeten uns zum Mittagessen in Zürich. Dann trafen wir uns hier in deinem medizinischen Rücken-Center. 

Ich weiss nicht, wieso du dich mit mir verabredet hast, trotz deiner knappen Zeit, ob du bereits eine Vision von mir hattest oder ob es pure Nächstenliebe war – keine Ahnung, aber für mich war unsere erneute Kontaktaufnahme ein Geschenk. Danke Yvonne. 

Fast alle Freunde aus früherer Zeit zeigten mir ihren Rücken. Aus was für persönlichen Gründen auch immer. Jeder Mensch lebt sein Leben und trifft seine Entscheidungen. Entweder man passt zusammen für einen kurzen Moment, einen längeren oder das ganze Leben.

Mit anderen Worten. Groll kenne ich nicht mehr.

Yvonne: Wie ging es weiter?

Sandra: Im 2023 kam der Wunsch in mir hoch, hier bei dir zu trainieren. Zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln – ich nahm es mit Freude auf mich. Ich lernte, mich wieder zu sozialisieren, wurde stärker, beweglicher – körperlich und mental. Zwei Jahre später bat ich dich, dich im Rücken-Center unterstützen zu dürfen. Heute bin ich Volontärin hier im mRC und unterstütze an der Theke und auf der Trainingsfläche.

Yvonne: Und jetzt haben wir dieses Interview-Projekt – «Health Talk». Erzähl darüber.

Sandra: Ja (stahlt)! Du hast mich gefragt, ob ich Mitglieder mit ihren eigenen Heldengeschichten interviewen möcht. In derselben Nacht träumte ich davon. Das war kein Zufall. Das ist ein Herzensprojekt für mich.

Yvonne: Was möchtest du damit erreichen?

Sandra: Ich will Menschen zeigen: Deine Geschichte zählt. Jeder von uns ist ein Wunder.

Meine eigene Geschichte ist kein Schicksalsschlag – sie ist die Chance, aus dem Leben das Beste zu machen.

Und das kann jeder. Mit jeder Herausforderung. Es ist immer unsere freie Wahl, wie wir sie betrachten.

Yvonne: Hast du einen Leitsatz, der dich trägt?

Sandra: Ja: „Es widerfährt uns nur das, womit wir umgehen können, um uns wachsen zu lassen.»

Daran glaube ich. Und danach lebe ich. Das betrifft nicht nur eine Krankheit – das betrifft jede Herausforderung. Wenn wir es so betrachten wollen. Es ist immer unsere freie Wahl.

Yvonne: Und jetzt, wie soll es mit dem Interview-Projekt «Health Talk» weiter gehen? Was sind deine nächsten Schritte?

Sandra: Jetzt suche ich nach Geschichten. Liebe Leserin, lieber Leser ich suche nach Ihrer Geschichte. Wenn Sie sich angesprochen fühlen, melden Sie sich bitte im med.Rücken-Center für eine Kontaktaufnahme mit mir.

Ich freue mich auf Sie und auf Ihre wundervolle Geschichte.

info@rueckencenter.com

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Seit dem 1. Februar arbeite ich als Praktikant im med. Rücken-Center. Mein Ziel ist der eidgenössische Fachausweis in Bewegungs- und Gesundheitsförderung.
Funktionelle Ernährungstherapie: Wenn Verdauung, Hormone und Bewegung zusammenspielen.
Es freut mich, per 1. Februar 2026, Mitglied des Teams der internen Praxen des med. Rücken-Centers zu werden. Mein Fokus liegt auf der Behandlung des Bewegungsapparates; das heisst, ich behandle