mRC Health Talk mit Andrea
Folge deinem Herzen
Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und man spürt sofort: Da ist jemand, der das Leben aus vollem Herzen lebt. Andrea ist so ein Mensch. Sie lacht, sie strahlt, sie ist da – mit jeder Faser.
Dass sie vor wenigen Jahren 8 Minuten lang tot war, sieht man ihr nicht an. Aber genau das ist ihre Geschichte. Eine Geschichte über das Funktionieren, das Verdrängen, das Zerbrechen und das Wiederauferstehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist Andreas Heldenreise.
Das Duracell-Häsli
«Ich war ein Duracell-Häsli!» sagt Andrea und lacht. «Überall voll engagiert, im Beruf, im Alltag, bei Freunden und Familie. Ich war eine Perfektionistin. Ich wollte alles supergut machen um dafür gelobt und geliebt zu werden.» 25 Jahre war sie verheiratet. Zwei Söhne. Ein Einfamilienhaus in Biel. Von aussen sah alles perfekt aus.
Beruflich war Andrea eine Macherin. 15 Jahre lang war sie selbständig mit ihrer Firma Nordic-Walking Virus und bildete über 1000 Leute aus. Dann machte sie ihr Hobby zum Beruf in der Zigarrenbranche, arbeitete sich zur Geschäftsführerin hoch und leitete jahrelang einen Flagshipstore in Bern. Aber hinter der Fassade sah es anders aus.
«Ich bin durchs Leben gerannt,» sagt Andrea. «Ich hatte keine Zeit, auf meine Gefühle zu hören und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich glaubte sowieso keine andere Wahl zu haben. Und ich habe Menschen in mein Leben gelassen, die mir nicht gutgetan haben.»
Alles für die Kinder
Was Andrea damals am wichtigsten war? Die Antwort kommt sofort: «Meine beiden Söhne. IMMER».
Sie hat sich bewusst entschieden, Kinder zu haben. Dabei sagte sie sich: «Ich stecke selbst zurück, weil ich sie gesund gross werden sehen möchte». Das hat sie durchgezogen. Bis der jüngere Sohn 19 Jahre alt war. «In mir hat immer schon mehr geschlummert,» erzählt Andrea. «Aber das habe ich ganz bewusst auf später verschoben, da mir unsere beiden Söhne alles bedeuteten.»
Die Ehe war schwer. Sehr schwer. Andrea möchte nicht näher darauf eingehen. Aber sie brauchte ihren Ausgleich. Die Arbeit wurde zur Flucht. Und die Flucht wurde zum Alltag.
Und dann war da noch ein Traum. Ein grosser Traum, den sie ihr ganzes Leben lang mit sich trug: «Ich selbst sein zu dürfen. Nicht immer nur den Träumen und Bedürfnissen von anderen zufolgen. Und die grosse, gegenseitige, bedingungslose Liebe zu finden.»
Die Warnsignale
Ein Jahr vor dem Ereignis begannen die Warnsignale. Herzkrämpfe. Andrea ging zum Kardiologen. Er machte alle Untersuchungen.
«Er sagte ihr, es ist alles in Ordnung. Einfach weniger Stress wäre gut.»
Andrea erzählte, dass sie gut darin war, einfach weiter zu machen, auch wenn etwas nicht stimmte. Das konnte sie gut. Schon einige Monate zuvor hatte sie Krämpfe und Kälte in den Armen. Es dauerte jeweils etwa eine Minute. Dann war alles wieder gut.
«In dieser Minute konnte ich gar nichts mehr machen,» erinnert sie sich. «Einmal geschah es zuhause. Meine Familie sagte: Du musst zum Arzt! Was ich dann auch tat.»
Als der Kardiologe ihr sagte, alles sei in Ordnung, machte sie genau so weiter wie vorher.
Im Nachhinein hätte sie nochmals zum Arzt gehen müssen. Aber das ist leicht gesagt, wenn einem ein Facharzt versichert, es sei alles gut. (Auflösung dieses Satzes erfährst du, wenn duweiterliest.)
9. Juli 2018 – Der Tag, der alles veränderte
Andrea war 53 Jahre alt.
Sie kam mit dem Velo nach Hause, vom Schwimmen im Bielersee. In der Küche packte sie gerade ihre Badesachen aus.
Dann: Herzstillstand.
Ihr jüngerer Sohn war zuhause. Er war 19 Jahre alt. Er reanimierte seine Mutter 8 Minuten lang, bis die Ambulanz kam. 8 Minuten. Eine Ewigkeit. Und gleichzeitig in ihrer Situation, das grösste Geschenk, das ein Sohn seiner Mutter machen konnte.
Willkommen zurück
Das Erste, woran sich Andrea erinnert: Ein Arzt, dicht über ihrem Gesicht, bei grellem Licht. «Ihre Familie hat Ihnen das Leben gerettet! Willkommen zurück.». «Ich wusste nicht, wovon er redete,» sagt Andrea.
Ihr Mann und ihre Söhne waren da.
Dann kam der Schmerz. Vier gebrochene Rippen. Heute erinnert sich ihr Gedächtnis an fast nichts mehr von der Woche auf der Intensivstation. Ausser an eines: Wie sie auf einem Bildschirm sah, wie die Stents gesetzt wurden.
«Ich war orientierungslos. Verwirrt. Als hätte ich eine Zeitreise gemacht, die ich verpasst habe. Zu realisieren, was wirklich geschehen war, war ein langer Prozess, der weit über die Zeitim Spital hinausging.»
Und dann geschah etwas Wichtiges: Der Kardiologe, der damals gesagt hatte, alles sei inOrdnung, kam zu ihr auf die Intensivstation. Er entschuldigte sich. Er hätte zu jenem Zeitpunkt einfach nichts gesehen. Und er hätte einen Schock gehabt, als er erfahren hatte, dass Andrea eingeliefert worden war.
Allein in der Reha
Andrea verbrachte einen Monat in der Reha. Und sie war allein. Was sie damals nicht wusste: Ihr Mann hatte allen verboten, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Er sagte, es sei alles zu ihrem Schutz.
«Er war ein Narzisst,» sagt Andrea heute. «Er kontrollierte mein Leben über viele Jahre». Aber genau in dieser Einsamkeit begann etwas zu wachsen. In der Reha fing Andrea an, für sich selbst zu denken. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Später zuhause, konnte sie mit ihrer Psychologin vieles aufarbeiten. «Dafür bin ich sehr dankbar,» sagt sie.
Der lange Weg zurück
Die Genesung war alles andere als leicht. Viele Monate wollte Andrea nur schlafen. Sie war so erschöpft. Dazukamen starke neurologische Probleme. Beim Herzstillstand war sie mit dem Kopf auf eine Steinplatte geknallt.
Nach vier Monaten kamen starke Depressionen. «Jeden einzelnen Tag zu schaffen und darum zu kämpfen, herauszufinden, wer Andrea ist, das war die grösste Herausforderung,» erzählt sie. «Zu wissen, dass ich glücklich sein sollte, weil ich lebte. Und doch ging es mir schlecht.»
Aufgeben? Niemals.
«Ich war schon immer eine Kämpferin. Ich musste alle Abläufe wieder neu lernen, habe intensivgelernt und repetiert.» Ihre Psychologin wurde ihre grösste Stütze. Sie arbeitete vieles mit Andrea auf, machte ihr Mut, bestärkte sie. Sie sagte einen Satz, den Andrea nie vergessen wird: «Sie konnten noch nicht sterben, weil noch etwas Grosses auf Sie wartet.»
Die Entdeckung: Wer ist Andrea?
In dieser Zeit des Heilens lernte Andrea so vieles über sich selbst.
«Dass ich meinen Wünschen, Träumen und Bedürfnissen folgen kann, ohne Rücksicht zu nehmen, was andere denken. Dass ich nur noch Herzensmenschen in meinem Leben möchte.Und dass ich jetzt alles kann und nichts mehr muss.» Alte Gewohnheiten? Die flogen alle raus. Nur noch Neues durfte kommen. Auch das Lesen hätte sie entspannt, aber sie konnte zwei Jahre lang nicht mehr lesen. Das machte sie traurig. Doch auch das gehörte zum Weg. Die Genesung dauerte ein Jahr. Aber die Transformation? Die hatte gerade erst begonnen.
Alles wird neu
Und dann geschah es. Andrea nahm ihr Leben in die Hand. Als sie davon erzählt, verändert sich ihre Stimme. Sie wird zärtlich. Voll Freude. Authentisch. Voll Leben. Ihr Gesicht strahlt. «Ich habe mich scheiden lassen, habe ein Wohlfühlstädtchen gesucht und bin von Bern nach Schaffhausen gezogen, habe meine Stelle gewechselt in einer anderen Stadt und ich habe meine grosse Liebe gefunden.«
Andrea lacht. «Mein Selbstbewusstsein wuchs immer mehr und mehr, gab mir Mut und Kraft. Ich habe allesdurchgezogen, was ich an mir entdeckte.» Und dann sagt sie einen Satz, der alles zusammenfasst: «Mein Leben ist einfach schön.»
Das neue Ich
Was ist anders als vorher?
«Alles.»
Heute bin ich glücklich und zufrieden und empfinde das Leben nicht mehr als anstrengend, sondern als Geschenk. Jeden Tag.»
Was sie an ihrem neuen Leben mag?
«Alles!»
Ob sie etwas vermisst?
«Nein!»
Ob sie ihre Herausforderung als Fluch oder Segen sieht?
«Nur als Segen! Ich wurde aufgerüttelt, endlich das Leben zu führen, wie es mir gefällt und ich mir schon immer gewünscht habe.»
Was sie ihrem früheren Ich sagen würde?
«Ich habe Frieden mit mir geschlossen. Trotz allem habe ich schon alles richtig gemacht. Ich hatte zwei Kinder und wollte, dass sie eine schöne Kindheit haben. Ziel erreicht!»
Und dann, mit einer Klarheit, die unter die Haut geht:
«Meine Zeit ist jetzt. Ich bin jetzt Andrea. Ich fühle mich leicht und locker.»
Die Kraft des Fragebogens
Andrea erzählte mir noch etwas, was mich sehr berührt hat. Durch den Fragebogen, den ich ihr im Vorfeld an unser Interview geschickt, befasste sie sich zum ersten Mal so tief mit ihrer eigenen Geschichte. «Das war wie eine Therapie,» sagte sie. «So habe ich das noch nie reflektiert für mich. Gut habe ich das gemacht.»
Und dann fügte sie hinzu: «Ich habe deine Geschichte gelesen, Sandra, und das hat mich sehr berührt. Von aussen sieht man es der Person nicht an, was alles dahintersteckt. Du lachst immerso fröhlich. Das hat einiges in mir ausgelöst.»
Fazit aus diesen Worten: «Das zeigt, wie wichtig es ist, Geschichten zu teilen. Denn jede Geschichte berührt eine andere Person. Und jede Heldenreise gibt jemand anderen Mut.
Ihre Botschaft an dich
«Du bist wunderbar, genauso wie du bist. Und folge deinem Herzen, das ist stark und ehrlich! Du schaffst alles!»
Das ist Andreas Botschaft. Direkt. Kraftvoll. Von Herzen.
Ihr Leitsatz: «Folge deinem Herzen!»
Ihre Wünsche für dich: «Geniesst jeden Tag und seht wieder die kleinen, wunderschönen Momente in eurem Alltag. Das Leben ist so wertvoll und es könnte jeder Tag der letzte sein. Ich hoffe und wünsche wirklich niemandem diese Erfahrung. Aber bewusster, leichter, positiver und relaxter zu leben, das wünsche ich mir für alle Menschen». Und was ich noch sagen möchte: «Jeder Mensch trifft seine Entscheidungen und kann daraus lernen.»
Die besondere Verbindung
Noch etwas ist Andrea wichtig: Die Beziehung zu ihrem jüngeren Sohn. Dem Sohn, der ihr das Leben rettete.
«Ich habe zu meinem jüngeren Sohn eine so nahe Verbindung. Es ist eine sehr spezielle Beziehung und macht uns beide sehr glücklich. Er ist auch so ein Herzensmensch wie ich».
Heute weiss ich, dass dies geschehen musste, um Veränderungen in meinem Leben tatkräftig anzugehen. Ich sehe dies heute als glückliche Umstände an.»
Die Verbindung zum mRC
Nach extremen Rückenschmerzen, starken Medikamenten und langer Physiotherapie hat Andrea begriffen: Sie muss ihr Wohlbefinden selbst in die Hand nehmen und sich dafür die Zeit nehmen. Durch einen Flyer vom mRC und weil sie gleich an der Löwenstrasse arbeitet, fand sie den Weg ins med.Rücken-Center. «Ich dachte immer, ich habe keine Zeit und keine Energie. Fünf-Tage-Arbeitswoche, 14-Stunden-Tage,» erzählt Andrea. «Nun komme ich seit eineinhalb Jahren in der Mittagspause zum Training, fühle mich super wohl, stark und energiegeladen.»
Jürg Neukom hat ihr einen zugeschnittenen Trainingsplan erarbeitet und ihr aufgezeigt, wie sie ihre Freizeit gut nutzen kann. «Es ist klein, sympathisch, familiär und man wird gut betreut. Und in meiner Mittagspause hat es nicht so viele Leute, was ich sehr schätze.»
Ob sie das mRC weiterempfehlen würde? «Jederzeit und immer!»
Zum Abschluss – In Andreas eigenen Worten
Am Ende unseres Gesprächs sagt Andrea etwas, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Etwas, das ihre ganze Reise in wenigen Sätzen zusammenfasst:
«Ich durfte überleben. Wäre ich gestorben, wäre es auch okay gewesen. Meine Kinder waren erwachsen.
Durch das, dass ich überlebt habe, wollte ich mein Leben in die Hand nehmen und leben. Und das tue ich.»
Danke für deine Offenheit und deine Geschichte, Andrea. Das wird vielen Menschen helfen.
Denn wir wissen: ALLES KÖNNTE AUCH GANZ ANDERS SEIN
Von Herzen,
Sandra
Zürich, April 2026